Olivier de Berranger

Makroökonomie: 11. Januar-Ausgabe

„Blaue Welle“ mit Verspätung – und was das für Finanzmärkte bedeutet

Der Sieg der demokratischen Kandidaten Jon Ossoff und Raphael Warnock in der zweiten Runde der Senatswahlen im US-Bundesstaat Georgia sichert dem Lager von Joe Biden den „Grand Slam“: die Präsidentschaft sowie Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat. Zwei Monate nach der Präsidentschaftswahl ist die von manchen Beobachtern vorhergesagte „blaue Welle“ nach langem Hin und Her doch Wirklichkeit geworden. Diese Feststellung muss jedoch relativiert werden. Einerseits ist die demokratische Mehrheit im Senat denkbar knapp: Da die Republikaner genauso viele Senatoren haben wie die Demokraten, verfügt die demokratische US-Vizepräsidentin über die Entscheidungsbefugnis bei Stimmengleichheit. Außerdem könnten die Republikaner mithilfe der parlamentarischen Taktik des Filibusters viele Gesetzesvorhaben blockieren. Denn die Demokraten benötigen 60 Stimmen, um diese Prozedur zu beenden. Wer den Capra-Film „Mr. Smith geht nach Washington“ kennt, weiß, dass das lange dauern kann!

Bahn frei für drittes US-Konjunkturpaket

Allerdings ist der Filibuster bei Haushaltsübergangsgesetzen nicht möglich. Daher gilt es nun als sicher, dass in den kommenden Wochen ein drittes Konjunkturpaket in den USA verabschiedet wird. Nach dem Ende Dezember beschlossenen Paket über 900 Milliarden Dollar könnten sich auch die neuen Maßnahmen auf mehrere hundert Milliarden Dollar belaufen. Angesichts der Ambitionen der Demokraten beim zweiten Konjunkturpaket im vergangenen Sommer (mehr als zwei Billionen Dollar) könnte der Betrag sogar in die Billionen gehen. Die moderateren Demokraten werden sich zweifelsohne um eine Annäherung an die Republikaner bemühen, um Blockaden im Parlament zu verhindern – zumal das demokratische Lager selbst gespalten ist.

Konjunkturmaßnahmen mit erheblichem Einfluss auf Inflationsaussichten

Diese Maßnahmen werden sich zweifelsohne deutlich positiv auf das Szenario der Konjunkturerholung auswirken. Derzeit wird davon ausgegangen, dass das US-BIP Ende 2021 sein Vorkrisenniveau erreichen wird. Abhängig vom Tempo bei der Umsetzung der neuen Maßnahmen könnte dies jedoch bereits Anfang des zweiten Halbjahres der Fall sein. Darüber hinaus könnten die Maßnahmen erheblichen Einfluss auf die Inflationsaussichten haben. Denn das Scheitern der Geldpolitik bei der Steigerung der Inflation im vergangenen Jahrzehnt wird bisweilen dem fehlenden Zusammenwirken mit der Fiskalpolitik zugeschrieben. Die von der Fed bereitgestellte Liquidität kommt nur dem Finanzkreislauf zugute und zeigte sich in Bezug auf die Inflation bei Waren und Dienstleistungen wirkungslos, während sie die Inflation der Vermögenspreise befeuerte. Die Zweckbindung der durch die einzelnen Konjunkturpakete geschaffenen größeren Geldmenge könnte endlich einen Anstieg der Inflation in der Realwirtschaft ermöglichen.

Value-Aktien, Schwellenländeraktien & Edelmetalle dürften profitieren

An den Märkten dürfte dieses Umfeld bestimmte Assetklassen begünstigen. Allen voran könnten zyklische bzw. Value-Aktien von der Kombination aus Wirtschaftsaufschwung und moderatem Inflationsanstieg profitieren, da sie am Anfang von Konjunkturzyklen tendenziell eine Outperformance erzielen. An zweiter Stelle stehen Schwellenländeraktien, denen der Durchsickereffekt des US-Wachstums, die Erhöhung des US-Defizits und die Dollar-Abwertung zugutekommen dürften. Aber auch Edelmetalle dürften aufgrund ihrer traditionellen Funktion als Inflationsschutz und der steigenden Nachfrage im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs profitieren. Dies gilt insbesondere für Platin und Palladium, die bei grünen Technologien, einem zentralen Punkt im Programm von Joe Biden, Verwendung finden.

Langlaufende Staatsanleihen (10 bis 30 Jahre), insbesondere der USA, dürften bei aufwärts tendierenden Zinssätzen hingegen unter Druck geraten. Auch wenn dies wahrscheinlich durch Maßnahmen der Zentralbanken abgeschwächt wird, ist das asymmetrische Risiko für diese Assetklasse eindeutig negativ. Relativ gesehen könnten bestimmte konjunkturunabhängige Wachstumsaktien mit sehr hohen Bewertungen ebenfalls beeinträchtigt werden, auch wenn manche Geschäftsmodelle, insbesondere aus dem Technologiesektor, am Strukturwandel der Wirtschaft beteiligt bleiben und es gute Gründe gibt, sie im Portfolio zu belassen.

 

Autoren: Olivier de Berranger, CIO; Enguerrand Artaz, Fund Manager

Redaktionsschluss: 08.01.2021